Das Schweizer-Taschenmesser-Phänomen – wenn Software alles können will

Das Schweizer-Taschenmesser-Phänomen – wenn Software alles können will

Das Schweizer Taschenmesser ist ein gutes Werkzeug

Das Urteil über dieses Werkzeug ist einhellig: Das Schweizer Taschenmesser ist eine geniale Idee: mehrere Werkzeuge in einem kompakten Produkt.

  • Messer
  • Schraubenzieher
  • Korkenzieher
  • Pinzette
  • Schere etc.

Der Nutzen entsteht durch die Kombination überschaubarer, oft benötigter Funktionen in einem kompakten, leicht verstaubaren (Tasche) Design. Das Problem beginnt, wenn das «Taschenmesser» immer weniger kompakt wird, weil immer mehr Werkzeuge hinzukommen. Kurz:

Denn irgendwann wird aus dem praktischen, kompakten Taschenmesser ein Werkzeugkasten, den man nicht mehr einfach in die Tasche steckt.


Software, speziell SaaS, ist oft wie ein Schweizer Taschenmesser

Ein Merkmal erfolgreicher Software-as-a-Service (SaaS) Tools ist die Erweiterung. Zuächst wird beispielsweise als CRM mit Strukturierung und Analyse von Kunden und deren Touchpoints mit der Firma gestartet. Dann werden weitere Services hinzugefügt. Das liegt nahe, denn viele Aktivitäten im Vertriebs- und Marketing-Raum sind verwoben, interdependent und bauen oft sogar aufeinander auf.

Ein Beispiel wie so eine SaaS Evolution ablaufen kann:

CRM → Marketing → Marketing Automation → Newsletter → Landingpages → Website → Content → Analytics → Social Media → etc. …

Jede einzelne Erweiterung kann für sich sinnvoll sein.

Aus vielen sinnvollen Erweiterungen entsteht nicht automatisch ein sinnvolleres Gesamtsystem.

Mehr Funktionen bedeuten nicht automatisch mehr erledigte Aufgaben.


Das große Versprechen: «Alles aus einer Hand»

«Alles aus einer Hand»* ist eines der stärksten Argumente großer Plattformen. Und dieses Argument ist nicht falsch – aber auch nicht immer richtig.

Vorteile:

  • weniger unterschiedliche Anbieter
  • weniger Schnittstellen
  • gemeinsame Datenbasis
  • klarere Verantwortlichkeiten
  • ein Ansprechpartner
  • Kommunikation zwischen den Systembestandteilen kann einfacher werden

«Alles aus einer Hand» macht ein System nicht automatisch einfacher.

«Alles aus einer Hand» kann die Kommunikation zwischen den Funktionen vereinfachen. Das Tool selbst kann dadurch wesentlich unübersichtlicher werden.»

*Genau beleuchtet für Intensivleser: «Alles aus einer Hand»

«Alles aus einer Hand» («AaeH») ist ein Begriff, der immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Situation und Anwendungssituation betrachtet werden sollte. «AaeH» ist zunächst einmal ein Versprechen: Wenn nur ein Anbieter oder Hersteller für das Ganze existiert, dann ist das Ganze einheitlicher und geschlossener.

Dabei werden die Attribute «einheitlich» und «geschlossen» positiv gedeutet. Das sind sie aber gar nicht – weder positiv noch negativ. Manchmal kann «AaeH» wünschenswert sein, manchmal aber eben auch nicht. Daher ist «AaeH» kein Merkmal, dass für «besser, effizient und kostenminimierend» steht sondern kann auch das genaue Gegenteil bedeuten.


Der Kipppunkt

Der typische Entwicklungszyklus für diese Art von SaaS Frameworks beginnt meistens so:

mehr Funktionen → mehr Möglichkeiten → mehr Nutzen

Nachdem in den ersten Entwicklungsschritten grundlegende, relevante, prozessorientierte und wertvolle Features zur Software ergänzt werden, wendet sich die Entwicklung danach weniger relevanten und vor allem ergänzenden Aspekten zu.

Da das User-Interface anfangs für den damals geplanten Funktionsumfang entwickelt wurde, ist es später sehr komplex – einfach gesagt – Platz für neue Buttons, Hinweise und weitere Texte zu finden:

mehr Funktionen → mehr Komplexität → weniger Übersicht → weniger effektive Nutzung

Dieser Punkt ist der Kipppunkt.

Jedes Tool hat einen Punkt, an dem zusätzliche Funktionen nicht mehr zusätzlichen Nutzen erzeugen, sondern zusätzliche Komplexität.

Bei der erwähnten Komplexität geht es nicht nur um technische Komplexität.

Drei Ebenen werden am Kipppunkt wirksam

  • Funktionskomplexität
    Immer mehr Funktionen und Module.
  • Bedienkomplexität
    Der Nutzer muss wissen, wo eine Funktion steckt und wie sie mit anderen Funktionen zusammenspielt.
  • Entscheidungskomplexität
    Der Nutzer muss immer mehr Entscheidungen treffen, bevor er seine eigentliche Aufgabe erledigen kann.

Viele Funktionen, großer Nutzen?

Eine Plattform oder auch eine Software-Lösung kann immer größer und leistungsfähiger werden, während sich die tatsächlichen Aufgaben des Anwenders nur wenig verändern.

Ein Beispiel, das jede/r kennt: Word.

Word kann heute erheblich mehr als früher.

Aber der typische Anwender heute:

  • schreibt Texte
  • formatiert Texte
  • druckt oder verschickt sie
  • arbeitet mit Dokumenten

wie früher.

Software kann immer umfangreicher werden, ohne dass sich der Kern der Arbeit für den typischen Nutzer proportional verändert.

Mehr Software ist nicht automatisch mehr Nutzen.


Das «90-Prozent»-Argument

Bei vielen Plattformen bezahlt man für einen Funktionsumfang, von dem man einen großen Teil nie verwendet!

Oder: «Im Preis enthalten» bedeutet nicht automatisch «wirtschaftlich sinnvoll».


Kosten sind mehr als die Lizenz

Dazu kommt ein weiteres Problem großer SaaS-Systeme: Neben dem monatlichen Preis existieren weitere wesentliche Kostenpunkte:

  • Einführung
  • Integration
  • Migration
  • Schulung
  • Administration
  • Anpassungen
  • interne Projektzeit
  • laufende Betreuung

Es ist also unbedingt erforderlich, die Kosten eines SaaS-Systems nicht nur an der monatlichen Lizenzgebühr festzumachen. Allein bei beispielhaften 500 Euro monatlichen Kosten führen die vorgelagerten Kosten für die Inbetriebnahme, sagen wir, konservativ geschätzt 24.000 Euro, zu umgeschlagenen 2.500 Euro pro Monat im ersten Jahr.


Eine neue Marketing-Tool-Plattform ist noch keine Innovation

Unsere Erfahrung zeigt: Innovationsschritte werden mit Ideen, Konzepten und Vorgehensweisen gemacht, nicht durch eine neue Marketingplattform.

Das Versprechen ist immer hoch, wenn die Einführung eines neuen Systems viel Zeit und viel Geld kostet.

Wenn man danach aber trotz allem Aufwand:

  • dieselben Newsletter
  • an dieselben Zielgruppen
  • mit denselben Inhalten
  • über dieselben Kanäle

versendet, war der Einsatz sicher zu hoch. Die Einführung einer neuen Plattform ist noch keine Innovation.

Man kann sehr viel Geld in die Modernisierung des Werkzeugkastens investieren, ohne dadurch neue Werkzeuge zu benutzen.


Die Alternative: Spezialwerkzeuge

Nicht jedes Problem braucht eine Plattform. Manche Probleme brauchen ein gutes Werkzeug.

Ein spezialisiertes Werkzeug hat einen anderen Ansatz:

  • klar definierte Aufgabe
  • überschaubarer Funktionsumfang
  • weniger Entscheidungen
  • kürzere Einarbeitung
  • geringerer Ballast
  • Kosten orientieren sich stärker am tatsächlichen Bedarf

Nicht die Anzahl der Funktionen entscheidet über die Wirtschaftlichkeit eines Tools, sondern wie viel davon tatsächlich gebraucht wird.


«Speziallösung» bedeutet nicht «Insellösung»

Wir hören häufig dieses wichtige Argument:
«Dann haben wir ja noch ein weiteres System.»

Unsere Antwort:

Eine Speziallösung sollte kein isoliertes System sein. Über APIs machen wir sie zum Bestandteil der vorhandenen Systemlandschaft. Die bestehende, gewohnte Arbeitsumgebung muss nicht ersetzt werden.

Behalte deine Umgebung – und ergänze sie dort, wo eine spezielle Aufgabe besser gelöst werden kann.

Das gilt auch dann, wenn eine größere Systemumstellung bereits geplant ist. Eine spezielle Funktion muss nicht zwingend warten, bis sie irgendwann Bestandteil eines neuen Gesamtsystems wird. Sie kann heute als Ergänzung eingesetzt und später in die neue Systemlandschaft integriert werden.

Denn eine gute, effiziente Systemlandschaft muss nicht von einem einzigen Systemanbieter bereitgestellt werden. Ergebnisse unserer Arbeit zeigen ganz klar, dass Speziallösungen das Gesamtsystem funktionell und wirtschaftlich optimieren.

Beispiel QEM als Teil eines vorhandenen Systems

QEM ersetzt kein System, QEM löst eine klar definierte Aufgabe:

Lieferproblem → betroffene Kunden identifizieren → Nachricht auswählen → informieren.

Über die API wird QEM in vorhandene Systeme integriert.

QEM ergänzt die bestehende Systemlandschaft um genau die Funktion, die gebraucht wird.


Speziallösungen wirtschaftlich betrachtet

Wenn nur eine konkrete Funktion benötigt wird, muss nicht zwangsläufig ein komplettes Plattform-Modul integriert werden. Denn eigentlich reicht einfach eine stabile Ergänzung.

Warum die komplette Marketingplattform anpassen, wenn die klar umrissene Aufgabe mit einem kleinen Tool ergänzend, integral und kostenminimierend erledigt werden kann?


Zusammengefasst

Das Schweizer Taschenmesser ist nicht schlecht, weil es viele Werkzeuge enthält. Es wird problematisch, wenn die zusätzlichen Werkzeuge mehr Ballast als Nutzen erzeugen.

Das Schweizer-Taschenmesser-Phänomen

Mehr Funktionen → mehr Komplexität → höherer Aufwand → höhere Kosten – aber nicht automatisch mehr Nutzen.

Speziallösungen als integrale Ergänzungen

Speziallösungen können eine konkrete Aufgabe besser und wirtschaftlicher lösen, wenn sie sich gleichzeitig sauber in die bestehende Systemlandschaft integrieren lassen und diese ohne großen IT Aufwand sinnvoll ergänzen.

Von 

Avatar von Rafael Reyeros

| CCO/CTO


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